In der Türkei läuft eine Fernsehserie, die aus einer Vergewaltigung Unterhaltung macht.
Zappt man in der Türkei durch das abendliche TV-programm, dann begegnen einem unweigerlich Frauen, die von einem Mann geschlagen werden; die von einem Mann ans Bett gefesselt worden sind; die weinen, während sich ein Mann mit lustverzerrtem Gesicht über sie beugt. Meistens sagt er unsinnige Sätze wie: „Wehr Dich nicht, ich liebe Dich“ oder „Wehr Dich nicht, gleich gefällt es auch Dir“. Das türkische Fernsehen zeigt oft und gerne Gewalt, vor allem zeigt es Gewalt gegen Frauen. Die Einschaltquoten verraten, dass die Zuschauer nichts dagegen haben. Im Gegenteil: Was sie da sehen, gefällt.
Jeden Donnerstag ist bei dem Privatsender Kanal D eine Serie zu sehen, die sich zur erfolgreichsten des Jahres entwickelt hat, wohl auch, weil die Drastik der dargestellten sexuellen Gewalt schon in der ersten Folge alles Dagewesene toppte:
Ein Drittel aller türkischen Zuschauer versammelte sich am Abend des 16. Septembers vor dem Fernseher und schaute zu, wie drei Männer eine junge Frau namens Fatmagül vergewaltigen. (Foto unten) Die Szene dauerte ganze vier Minuten. Sie ist seitdem tausendfach im Internet abgespielt worden. Die türkischen Kommentare lesen sich, als sei die vergewaltigte Fatmagül die Königin von Porncity.

….Wären die Produzenten der Romanvorlage gefolgt, dann zeigte die Serie, wie Fatmagül, die Unschuldigste von allen, die Beschuldigte wird. Statt dessen rücken sie immer wieder Fatmagüls Vergewaltigung in den Mittelpunkt. Und befriedigen damit jene Machomentalität, die Türkali in Frage stellte und die bis heute in Frage zu stellen ist, denn Fatmagüls gibt es zu Tausenden in der Türkei. Laut einer Studie des türkischen Instituts für Sexualgesundheit haben vierzig Prozent der türkischen Frauen schon einmal Gewalt erfahren, zwanzig Prozent von ihnen sexuelle. Wird eine Frau in der Türkei vergewaltigt, dann ist ihr in zwei von drei Fällen der Täter bekannt – es ist ihr Ehemann, Liebhaber, Vater oder ein Verwandter. Gleichzeitig sind noch immer weite Teile der türkischen Gesellschaft davon überzeugt, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, dies provoziert haben muss. Auch die türkische Rechtsprechung zeugt von dieser Mentalität: Wird eine Prostituierte vergewaltigt, dann kommt der Täter mit einem blauen Auge davon, dabei bleiben Vergewaltiger ohnehin nie lange im Gefängnis. Die Frau hingegen gilt fortan als beschmutzt. Doch all das interessiert Kanal D offensichtlich nicht. Der Sender verwandelte das Verbrechen von Anfang an in Unterhaltung.
Schon Wochen vor dem Auftakt der Serie wurden die Zuschauer in Werbepausen mit Sequenzen der Vergewaltigung bombardiert. „Wie wurde Beren auf die Szene vorbereitet?“, „Wer sind die Vergewaltiger?“, „Wer spielt die Vergewaltigung besser, Beren oder Hülya?“, „Wo wird Beren vergewaltigt werden?“ fragten Werbespots. Dass zum gleichen Zeitpunkt nach sieben Jahren ein Vergewaltigungsprozess zu Ende ging, registrierte der Sender in seiner Berichterstattung kaum:
Im September entschied ein Gericht über den Fall eines Mädchens aus Mardin, das im Alter von zwölf Jahren von 27 Männern vergewaltigt worden war. Die Angeklagten hatten bis zum Urteil keinen Tag im Gefängnis verbracht und erhielten milde Strafen. Und das, obwohl – oder auch gerade weil – es sich bei den Tätern allesamt um Autoritätspersonen handelte: Ein Armeeoffizier und ein Lehrer waren darunter.
Inzwischen kann man in Istanbul Unterwäsche kaufen, auf denen der Titel der Serie zu lesen ist. Es gibt Fatmagül-Sexpuppen, mit denen man zu Hause die Vergewaltigung nachspielen kann. Es gibt ein Online-Spiel, bei dem die Nutzer eine Zeichentrick-Fatmagül ausziehen können. Kürzlich hat ein Kabarettist Fatmagüls Vergewaltigung nachgespielt, die Täter wurden dabei als Sportler dargestellt, der Kabarettist kommentierte deren „Treffer“. Und nun ist auch noch ein Computerspiel mit dem Titel „Lauf, Fatmagül, lauf!“ erschienen, bei dem der Spieler Fatmagül ist und fünf Männern entwischen soll. Packt einer der Verfolger das Mädchen, dann fängt sie an zu schreien – Spiel zu Ende, nächster Level nicht erreicht.
Türkische Frauenorganisationen und Kolumnisten kritisierten, dass „Was ist Fatmagüls Verbrechen?“ die Vergewaltigung legitimiere. Ihre Forderung, die Serie einzustellen, blieb bisher erfolglos. Die Fernsehaufsichtsbehörde sieht an anderer Stelle Handlungsbedarf. Im Mai verwarnte sie einen Fernsehsender wegen einer Parfümwerbung, in der eine sich auf einer Yacht im Bikini sonnende Frau einen Mann in Badehose küsst. Das sei obszön, urteilte die Behörde und erinnerte daran, dass nichts gesendet werden darf, was die mentale Entwicklung von Minderjährigen beeinträchtigt – Vergewaltigung gehört offenbar nicht dazu. Selma Aliye, die türkische Frauen- und Familienministerin, berühmt geworden durch ihre Aussage, Homosexualität sei eine Krankheit, hat das Küssen in Fernsehserien als unmoralisch kritisiert. Gefragt nach ihrer Lieblingssendung, antwortete die AKP-Ministerin: „Tal der Wölfe“, also jene ultranationalistische Serie, in der in jeder Folge die Fäuste fliegen und in der auch vergewaltigt wird. Ganzer Artikel…
Und jetzt pfeifen wir auf Hundstorfer`s Leitfaden:
Das Ganze ist an Perversität und Grauslichkeit fast nicht mehr zu überbieten – wir sprechen von einem EU-Beitritt-Kandidaten!
Niemals wollen wir mit so einem “Gesindel” etwas gemein haben!
(SOS veröffentlicht das erwähnte Youtube-Video nicht – wir werden uns nicht auf so ein “türkisches” Niveau begeben!)





















